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LeBron James: Das Ende einer Ära in Cleveland?

Nach über 1.300 Spielen steht LeBron James erstmals vor einer Hürde, der er körperlich nicht mehr gewachsen ist

LeBron James: Das Ende einer Ära in Cleveland? 18. Mai 2018Leave a comment

Redakteur

Es kommt nicht oft vor, dass LeBron James menschliche Züge in Sachen Müdigkeit, Fitness oder Basketballfähigkeiten zeigt. In seinen ersten Playoff-Jahren in Cleveland vielleicht, als ihm die nötige Erfahrung fehlte. Oder in seinem ersten Jahr in Miami, als er in den Finals einige seiner schlechtesten Spiele ablieferte. Doch in diesen Tagen passiert es wieder. Die über die gesamte Saison beste Verteidigung der Liga hat den “King” am Rande seiner Möglichkeiten und ist kurz davor, die Serie von sieben Finalteilnahmen in Folge zu beenden.

James trägt so viel Last auf seinen Schultern, wie seit seinem erstmaligen Abgang aus Nordost-Ohio nicht. In der regulären Saison spielte er erstmals alle 82 Spiele. Dazu kamen mehrere Auftritte in den Playoffs, bei denen der viermalige MVP über 40 Minuten auf dem Court stand. Gegen die Indiana Pacers brauchten die Cavaliers jede einzelne dieser Minuten. LeBron hat abgeliefert. Doch der Kader der Cavs ist so schwach, dass sie nur ein Spiel davon entfernt waren, bereits nach Runde eins in den Urlaub fahren zu können.

LeBron braucht mehr Hilfe

In den Conference-Finals liegen die Cleveland Cavaliers mit 0:2 hinten. Dienstagnacht, bei der zweiten Niederlage in Boston, waren James und der einzige andere All-Star der Cavs, Kevin Love, für 64 der 94 Cavaliers-Punkte verantwortlich. Kein anderer in der Mannschaft sorgte für mehr als elf Punkte. Spieler wie J. R. Smith und Tristan Thompson, die sich durch vergangene Leistungen das Vertrauen ihres Superstars erspielt hatten, enttäuschten auf ganzer Linie. Smith traf keinen seiner sieben Wurfversuche. Thompson gelangen acht Punkte in 29 Minuten, nachdem Headcoach Tyronn Lue in zurück in die Starting Five beordert hatte.

Lue trägt durch seine ständig wechselnden Rotationen zu dem Problem bei. Jordan Clarkson, Rodney Hood oder Tristan Thompson können sich von Spiel zu Spiel nicht sicher sein, ob sie Spielzeiten bekommen oder nicht. Clarkson durfte am Dienstag 48 Minuten zusehen, nachdem er in Spiel eins noch 15 Minuten spielte. Ob berechtigt oder nicht, derartige Aktionen nagen nicht nur am Selbstvertrauen der Spieler, sondern verhindern auch eine bessere Eingespieltheit.

Boston verkörpert das Gegenteil der Cavaliers

Derartige Missgriffe des Cavs-Trainers werden durch die Leistungen seines Gegenstücks auf Bostons Seite betont. Brad Stevens hat in diesen Playoffs bewiesen, dass er zurzeit der beste Trainer der Liga ist. Ob zwischen den Spielen oder während der 48 Minuten auf dem Parkett: Stevens findet Antworten auf alles, was die Cavaliers ihm vor die Nase setzen und sein Team steht beispielhaft für den Team-Baskebtall, den Cleveland so schmerzlich vermissen lässt.

Alle fünf Starter und Marcus Smart erzielten in Spiel zwei mehr als zehn Punkte. Marcus Morris ist der beste LeBron-Verteidiger seit Kawhi Leonard in den Finals 2014. Die Celtics sind drauf und dran, seit acht Jahren der erste Finalteilnehmer aus dem Osten zu sein, der nicht LeBron James im Kader stehen hat — mit einem Kader, der für nichts von dem steht, was LeBron-Teams in den letzten acht Jahren verkörpert haben. Darüber hinaus können sie die erste Mannschaft im Finale sein, für die kein First- oder Second-Team All-NBA-Spieler während der Playoffs auf dem Spielfeld steht.

James äußerlich noch entspannt

Fragt man den “King” persönlich nach der Situation, erhält man erstaunlich entspannte Antworten. Nach Spiel eins betonte James noch, keineswegs besorgt zu sein. Nach Spiel zwei sagte er, er verliere wegen der Situation keinen Schlaf. Es ist schwer, die Psyche des dreifachen Finals-MVPs zu entschlüsseln. Hat James schon mit den Cavs abgeschlossen? Ist es ein natürlicher Abwehrreflex? Oder ist er tatsächlich noch optimistisch, was das Weiterkommen seiner Mannschaft betrifft?

In Spiel zwei wollte er die Antwort auf dem Feld geben und feuerte zu Beginn aus allen Lagen. Mit Erfolg: 21 Punkte aus 13 Würfen im ersten Viertel ließen viele Zuschauer auf eine dieser Nächte hoffen, die ihn in den letzten sieben Jahren für Ost-Teams unbesiegbar machten. In den folgenden drei Vierteln kamen weitere 21 Punkte dazu. 42 Punkte bei 29 Wurfversuchen und fünf getroffenen Dreiern. Zahlen, die sich für nahezu jeden Spieler der Welt nach einem Fabelspiel anhören, sind in diesen Tagen nicht genug für LeBron James, von dem in jedem Spiel unmenschliche Leistungen erwartet werden, um mit seinem Team konkurrenzfähig zu bleiben.

Bei all dem Lob, dass die Celtics für ihr selbstloses Spiel bekommen, wäre die selbstloseste Tat von LeBron James, so egoistisch wie möglich zu spielen. Doch es könnte soweit sein, dass der Körper des 33-Jährigen dies nach 1.373 Spielen in der besten Basketballliga der Welt nicht mehr zulässt. Bereits nach Spiel sieben gegen die Indiana Pacers war er körperlich derart erschöpft, dass er sich noch keine Gedanken über den kommenden Gegner machen konnte. Und nachdem Jayson Tatum ihn im zweiten Viertel unglücklich im Gesicht traf, ließ James die benötigte Aggressivität vermissen.

Der Anfang einer neuen Ära?

Es ist nicht so, als hätte LeBron derartigen Gegenwind noch nie erlebt. Immerhin waren seine Cavs 2016 die erste Mannschft, die einen 1:3-Rückstand in den Finals wieder gutmachte. Auch 2007 lag er mit 0:2 hinten. Damals gegen die Detroit Pistons, die zuvor zweimal in Folge die Finals erreichten. James läutete damit eine neue Ära in der NBA ein. Wenn wir in zehn Jahren auf diese Serie zurückblicken, werden wir vielleicht genauso über diese Serie reden.

Der junge Kern um Kyrie Irving, Gordon Hayward, Jayson Tatum und Jaylen Brown, gepaart mit dem Coaching von Brad Stevens, könnte über Jahre das Bild der Eastern Conference bestimmen. Im Gegensatz dazu ständen die Cavaliers nach dem erwarteten Abgang ihres Starspielers im Sommer vor einem Trümmerhaufen mit hohen Gehältern und wenig Potenzial. Dass LeBron einen Großteil dieser Misere mitzuverantworten hat, wird ihm egal sein, sobald er im Sommer in Philadelphia, Los Angeles oder Houston anheuern wird. Nicht egal wird ihm das erstmalige Verpassen der NBA-Finals seit 2010 sein.

Es wird nicht seine Schuld sein, sollte es so weit kommen. Doch Jahre seiner Dominanz erwecken einen Anspruch, dem auch der beste Spieler der Welt nicht gerecht werden kann. Zumindest für ein Jahr kann diese Dominanz durchbrochen werden, bevor James woanders sein Glück versuchen wird. Doch das Karriereende eines der größten Basketballspielers aller Zeiten fühlt sich so nah an wie noch nie. Und die neue Generation steht schon in den Startlöchern.

Jan auf Twitter: @JanOnOne

[Foto: Erik Drost/Flickr/CC SA-BY 2.0]

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