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Fußball-WM: Argentinien im Portrait

Die Hoffnung einer ganzen Nation liegt auf 1,70 m hohen Schultern

Fußball-WM: Argentinien im Portrait 5. Juni 20182 Comments

Alle vier Jahre dreht sich in der Welt des Fußballs alles um das wichtigste Turnier: die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft. Zur Vorbereitung auf Russland portraitiert kultort.at die zehn Top-Favoriten auf den Titel. Jede Woche erwarten euch zwei neue Mannschaften in der Analyse. In diesem Portrait nehmen wir den Finalisten von 2014, Argentinien, unter die Lupe.

Trainer: Jorge Sampaoli (seit 2017)

WM 2014: Vizeweltmeister (0:1 gegen Deutschland)

WM-Teilnahmen: 17

WM-Titel: 2 (1978, 1986)

Schlüsselspieler: Ángel Di Maria (Paris Saint-Germain), Lionel Messi (FC Barcelona), Nicolás Otamendi (Manchester City)

Gruppengegner: Island, Kroatien, Nigeria


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Stärken: Lionel Messi.

Den talentiertesten Fußballer des Jahrhunderts in der Mannschaft zu haben ist wahrlich kein Nachteil. Böse Zungen behaupten dennoch, dass Lionel Messi seiner Nationalmannschaft nicht dasselbe bringt, wie seinem Verein, dem FC Barcelona. In gewisser Weise haben sie recht, denn 32 Titeln mit den Spaniern seit 2004 stehen lediglich ein Olympiasieg und ein U20-Weltmeistertitel gegenüber.

Doch es reicht ein kurzer Blick in die Statistik der WM-Qualifikation, um zu sehen, wie unverzichtbar Messi für das Team seines Heimatlandes ist. Sieben Tore (fünf mehr, als jeder andere Nationalspieler) erzielte “La Pulga” in zehn Spielen. Alle Matches mit Messi-Torbeteiligung wurde gewonnen. In den restlichen vier, in denen er am Platz stand, traf Argentinien nur einmal. Noch drastischer ist die mickrige Ausbeute ohne den Kapitän: ein Sieg, vier Unentschieden und drei Niederlagen, fünf Spiele davon ohne Treffer. Rechnet man Messis Tore weg, so hätte Argentinien bei weitem die Qualifikation verpasst. Werden zusätzlich seine Vorlagen abgezogen, wäre das Team vor Bolivien und Venezuela Drittletzter in der Südamerika-Ausscheidung. Mehr als bedenklich für einen Finalisten der letzten WM-Auflage.

Doch sie haben Messi. Und der ist so gut, dass er sogar einem derzeit mittelmäßigen Team zum WM-Titel verhelfen könnte. Das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Equador gewann der Superstar mit einem Hattrick im Alleingang. Seine unvergleichliche Antizipationsstärke im Angriff, sein Talent, aus jedem Ballbesitz Gefahr zu erzeugen, machen Lionel Messi jetzt schon zu einem der Größten, die der Fußball je gesehen hat. Um in der “GOAT”-Debatte ein Wörtchen mitreden zu können, braucht er allerdings einen Titel mit seinem Nationalteam.

Schwächen: Ungefährliche Offensive.

Bei der unfassbaren Liste an Angriffstalenten der “Albiceleste” fällt es schwer zu glauben, dass die Mannschaft ein Problem mit dem Toreschießen hat. Doch außer Messi gelang es keinem Spieler in der Qualifikation, mehr als zwei Tore zu erzielen. Gonzalo Higuain traf einmal, Sergio Agüero und Paulo Dybala konnten überhaupt nicht anschreiben. Zudem verzichtet Trainer Jorge Sampaoli auf Inter-Star Mauro Icardi, der im Nationalteam ebenfalls kaum zur Geltung kam.

19 Tore in 18 Spielen — nur Bolivien hatte in der Südamerika-Qualifikation weniger. Achtmal traf man gar nicht. Erzrivale Brasilien erzielte mit 41 sogar mehr als doppelt so viele Tore. In den letzten sechs Qualifikationsmatches konnte kein anderer Argentinier treffen, als der fünffache Weltfußballer.

Viele Offensivspieler kommen mit dem komplett auf Messi fokusierten Spiel nicht zurecht. Higuain und Agüero sind es gewohnt, viel häufiger und früher in Angriffe eingebunden zu werden. Die Rolle von Luis Suarez bei Barcelona, der oft Laufwege geht, um dem Superstar Räume zu schaffen, kann keiner der beiden optimal übernehmen. Auch Di Maria muss im Nationalteam eine ganz andere Rolle bekleiden, als bei Paris. Er tut es aber viel zu selten. Oft findet man den schlaksigen Ballkünstler offensiv in halb rechter Position, bereit einen Angriff zu starten. Genau diese Position ist aber die beste Ausgangssituation für einen Paradespielzug von Lionel Messi. Die beiden Stars harmonieren viel seltener, als sich gegenseitig im Weg zu stehen.

Kapitän Messi wiederum verwickelt sich selbst, ob der fehlenden Unterstützung öfter als nötig in Spielaufbausituationen, holt den Ball tief in der eigenen Hälfte. Anstatt seine Kapazitäten für das letzte Drittel aufzusparen, übernimmt Messi bei Argentinien eine arbeitsintensive Mittelfeldaufgabe. Damit der vielleicht beste Spieler der Welt auch im Nationalteam zu einem Titel kommt, muss es Sampaoli gelingen, seine Co-Superstars so umzustellen, dass sie Messi unterstützen — nicht in seinem Schatten verschwinden.

Player to Watch: Giovani Lo Celso

Bei Paris Saint-Germain hatte der 22-Jährige heuer den Durchbruch. Nachdem er in seiner Premierensaison in Europa nur sporadisch zum Einsatz kam, ließ ihn Unai Emery heuer insgesamt 48-mal spielen, darunter in sieben der acht Champions-League-Matches des französischen Meisters. Lo Celso bekleidet eine Ballverteilerrolle im Herzen des Pariser Mittelfelds.

Gerade beim PSG, der seit Jahren viel Wert auf schnelles Umschaltspiel und eine gute Verbindung zwischen Defensive und Offensive legt, ist diese Position wichtig. Das sieht man auch an den unzähligen — großteils gescheiterten — Mittelfeld-Verpflichtungen der Franzosen in den vergangenen Jahren. Yohan Cabaye, Grzegorz Krychowiak, Benjamin Stambouli scheiterten allesamt mehr oder weniger kläglich an der übergroßen Verantwortung. Umso beeindruckender, dass der junge Argentinier seinen Platz neben Marco Verratti und Adrien Rabiot gefunden und zementiert hat.

Lo Celsos Spiel ist nicht fehlerlos, er trifft auch falsche Entscheidungen. Dennoch bringt ihn ein Fehlpass oder Ballverlust nicht aus der Ruhe. In der nächsten Situation nimmt er gerne wieder Risiko. Seinem italienischen Mittelfeldpartner Verratti ähnelt der Youngster damit jetzt schon, bloß ist er viel disziplinierter auf dem Feld und weniger wahnsinnig. Für sein junges Alter legt der Nationalspieler eine unglaubliche Routine an den Tag. Sein Auftreten wirkt selbstverständlich.

Zudem sind viele seiner Qualitäten bereits sehr ausgereift. So bringt Lo Celso in der Liga über 90 % seiner Pässe an den Mann, in der Champions League sind es gar 92,6 %, via whoscored.com. Der Mittelfeldspieler spielt gefährliche Pässe in die Tiefe, ist aber auch im geduldigen Spielaufbau wertvoll. Lo Celso geht gut und gerne ins Dribbling und beweist in den überwiegenden Situationen extreme Sicherheit. Neben seinen Qualitäten am Ball ist er defensiv stark und engagiert, ist sich für keinen Laufweg und kein Tackling zu schade und legt sehr intelligentes Zweikampfverhalten an den Tag.

Seit Ende 2017 hat der Mittelfeldakteur Javier Pastore nicht nur aus den Plänen seines Vereins gedrängt, sondern auch aus der Nationalmannschaft. Er hat zwar erst fünf Länderspiele in den Beinen, könnte aber schon in Russland ein ausschlaggebender Faktor für die “Albiceleste” sein. Sowohl für Paris als auch für Argentinien wird Giovani Lo Celso in den nächsten Jahren mit ziemlicher Sicherheit ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft sein.

Prognose: Argentinien hat eine gefährliche Gruppe, die sie aber dennoch gewinnen müssen, um Frankreich im Achtelfinale aus dem Weg zu gehen. Spätestens im Viertelfinale könnte Spanien und damit das Ende des WM-Traums warten.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

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