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Fußball-WM: Vier Hipster-Teams, auf die wir uns besonders freuen

Wir stellen euch vier Teams vor, denen wir bei der WM in Russland eine Überraschung wünschen

Fußball-WM: Vier Hipster-Teams, auf die wir uns besonders freuen 11. Juni 20182 Comments

Unabhängiger Journalismus aus Wien

Bei der Weltmeisterschaft stehen die Stars im Fokus. Es wird über die großen Favoriten berichtet und ob diese triumphieren oder enttäuschen werden. Wir eingefleischten Fußballfans schwimmen aber gerne gegen den Strom. Unser Sportgeist verlangt es, den Underdogs die Daumen zu drücken. Wir wollen Überraschungen und faustdicke Sensationen. Wir wollen schadenfroh zusehen, wie der Goliath zugrunde geht.

Bei jeder Weltmeisterschaft gibt es eine Mannschaft, die man einfach lieben muss. Sei es aufgrund ihres unbändigen Kampfgeistes oder ihrer kreativen Jubel, ihrer witzigen Background-Storys oder einfach aufgrund von optischen Auffälligkeiten der Spieler.

Auch in Russland wird ein Team unser Herz erobern, das steht fest. Diese vier Kandidaten halten wir für realistische Anwärter auf das “Hipster-Team” der Fußball-WM 2018:

1. Peru

Matthias Führer: Peru befindet sich seit Monaten in regelmäßigen Abständen inmitten der Sportschlagzeilen. Zu verdanken haben sie das ihrem Mittelstürmer und Volkshelden Paolo Guerrero. Dieser wurde am 5. Oktober 2017 positiv auf Kokain getestet und folgerichtig von der FIFA gesperrt. Monatelang beteuerte er seine Unschuld — verunreinigte Lebensmittel oder das Besteck sollten Grund für die vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) auf 14 Monate verlängerte Dopingsperre sein.

Wenige Tage vor Nennschluss der endgültigen WM-Kader kam die nicht mehr für möglich gehaltene Erfolgsmeldung. Das Schweizer Bundesgericht scheint menschliche Züge angenommen zu haben und argumentiert die provisorische Aussetzung der Strafe mit “den Nachteilen, die der Routinier erleiden würde, hätte er nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen dürfen und somit die Krönung seiner Fußballerkarriere verpasst”.

So kommt es, dass Peru bereits seit einigen Wochen vor WM-Beginn nicht mehr aus dem Feiern hinauskommt. Schon die erfolgreiche Qualifikation mit Platz 5 in Südamerika und dem anschließenden Playoff-Sieg gegen Neuseeland stellte einen Meilenstein in der Fußballgeschichte Perus dar.

Bei einer WM war Peru letztmals 1982 vertreten. Der Spieler mit dem höchsten Marktwert ist André Carrillo mit 6 Millionen Euro, via transfermarkt.at. Er spielt für den FC Watford und ist damit einer der wenigen Europa-Legionäre. In Europa außerdem bekannt ist Flügelstürmer Jefferson Farfán, der über zehn Jahre für PSV Eindhoven und Schalke 04 wirbelte.

2. Island

Philipp Lou: “HU!” . . . “HU!” . . . “HU!” Wir alle erinnern uns gerne zurück an die nordischen Helden der Europameisterschaft 2016. An den Kampfgeist der Wikinger am Feld, den bedingungslosen Rückhalt der Fans in den Rängen und der Fanzone, die hysterischen Jubelgeräusche des isländischen Kommentators nach dem Sieg über England. Im Anschluss an den historischen Viertelfinaleinzug war der italienische Familienbetrieb “Errea”, der die Nationalmannschaft seit 2002 mit Trikots ausstattet, maßlos überfordert. So groß war die Nachfrage nach dem blauen Dress.

Die Euphorie ebbte erwartungsgemäß bald nach dem Turnier ab. Vorerst. Denn zwei Jahre später zeigt der kleine Inselstaat, dass 2016 kein Ausreißer war: Als Gruppensieger qualifizierte man sich noch vor den starken Kroaten erstmals für eine Weltmeisterschaft, beseitigte unter anderem die Türkei. Fun Fact: Die Türkei hat 225-mal mehr Einwohner als Island! Der Erfolg des isländischen Fußballs ist auf nachhaltig gute Jugendarbeit zurückzuführen. Während noch vor einigen Jahren Eidur Gudjohnsen der einzige erfolgreiche Fußballer des Landes war, schaffen es mittlerweile immer mehr Akteure in die stärksten Ligen Europas. Nicht weniger als 14 Kaderspieler für die WM haben einen Marktwert jenseits der Millionengrenze, drei sind mehr als zehn Millionen wert, via transfermarkt.at.

Bei der Weltmeisterschaftspremiere ist die Teilnahme bereits ein voller Erfolg. Ein Überstehen der Gruppenphase ist aber weitaus realistischer, als es scheinen mag. Mit Argentinien hat man zwar eine Weltklasse-Mannschaft in der Gruppe, die allerdings weit weg von ihrer Bestform spielt. Nigeria ist ein gefährlicher Gegner, aber bei weitem keine Übermannschaft. Kroatien haben die Isländer bereits in der Qualifikation besiegt, warum nicht auch in Russland? Wann immer die tapferen Männer den Heimweg antreten müssen, in Reykjavík werden sie wie Halbgötter empfangen werden.

3. Panama

Führer: “Los Calaneros” haben sich am 11. Oktober 2017 mit einem 2:1-Sieg gegen Costa Rica durch das Goldtor von Román Torres in der 88. Minute zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Diesen historischen Moment wusste der Mittelamerika-Staat gebührend zu feiern. Noch in derselben Nacht beschloss Präsident Juan Carlos Varela im Trainingsanzug der Fußball-Nationalmannschaft einen neuen Feiertag.

Panama ist beim WM-Turnier in Russland zusammen mit Saudi-Arabien einer der krassesten Außenseiter. Spieler mit dem höchsten Marktwert ist ein gewisser Aníbal Godoy. Der 800.000-Euro-Mann (via transfermarkt.at) kickt für die San Jose Earthquakes in der US-amerikanischen MLS. Das Panama nicht nur als Steueroase dient, sondern auch im Fußball an Bedeutung gewonnen hat, beweisen die Erfolge der letzten Jahre. In den letzten sieben Ausgaben des CONCACAF Gold Cups gelang ihnen viermal der Sprung ins Halbfinale — zweimal reichte es dabei sogar zur Finalteilnahme. Krönung dieser routinierten Mannschaft — das Durchschnittsalter ihres WM-Aufgebots liegt bei 29,3 Jahren — ist zweifellos die WM-Teilnahme in Russland.

Nur die größten Optimisten geben Panama in ihrer schwierigen Gruppe mit Belgien, England und Tunesien eine Chance. Die einheimische Bevölkerung erwartet, dass ihre Mannschaft jederzeit hundert Prozent gibt. Wenn das gelingt, hat ihr Land auf jeden Fall einen weiteren Grund zu feiern, denn die Sportbegeisterung und speziell der Stellenwert des Fußballs kennt in Panama kaum Grenzen.

4. Nigeria

Lou: Spätestens mit dem Release der WM-Trikots hat Nigeria die Fans auf ihrer Seite. Verdammt viele Fans, wie sich schnell herausstellte. Am 31. Mai bot Nike die Dressen um 9:00 Uhr online zum Verkauf an. Um 9:02 waren sie ausverkauft, genauso wie die dazugehörigen Trainingsanzüge. Kein Wunder, die Kollektion ist mehr High-Fashion als einfaches Sportgewand:

Die nigerianischen Spieler werden also gut aussehen, wenn sie gegen Argentinien, Island und Kroatien auflaufen. Doch auch abgesehen von ihrer neuen Rolle als Mode-Trendsetter hat die Mannschaft von Trainer Gernot Rohr einiges zu bieten. Da wäre zum einen John Obi Mikel, der unfassbarer Weise erst 31 Jahre alt ist, obwohl er bereits vor gefühlten 20 Jahren das Chelsea-Blau überstreifte. Dass er seit vergangenem Jahr in China sein Unwesen treibt, ist kein Indiz für ein herannahendes Karriereende. In Russland wird der Mittelfeldregisseur voll angreifen.

Neben Mikel bringen Odion Ighalo und Victor Moses die nötige Routine mit. Viele der Leistungsträger sind hingegen blutjung und gehören zu den aussichtsreichsten Talenten der Premier League. Allen voran Alex Iwobi (22) von Arsenal, der sämtliche englische Jugendnationalteams durchlebt hat, bevor er sich dessen bewusst wurde, dass sein Herz grün schlägt. Ebenfalls in England haben sich Wilfred Ndindi und Kelechi Iheanacho (beide 21) bei Leicester City ihren Stammplatz erkämpft.

Nigeria ist, wie Island, Außenseiter in der schwiergen Gruppe D. Bereits vergangenen November konnte man ein 0:2 gegen Argentinien in ein 4:2 verwandeln. Mehr davon und die “Super Eagles” könnten zum zweiten Mal in Folge Achtelfinal-Luft schnappen.

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