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Fußball-WM: Frankreich im Portrait

20 Jahre danach — ist Frankreich bereit für den zweiten Weltmeistertitel?

Fußball-WM: Frankreich im Portrait 12. Juni 20183 Comments

Alle vier Jahre dreht sich in der Welt des Fußballs alles um das wichtigste Turnier: die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft. Zur Vorbereitung auf Russland portraitiert kultort.at die zehn Top-Favoriten auf den Titel. Jede Woche erwarten euch zwei neue Mannschaften in der Analyse. In diesem Portrait nehmen wir Frankreich unter die Lupe.

Trainer: Didier Deschamps (seit 2012)

WM 2014: Aus im Viertelfinale (0:1 gegen Deutschland)

WM-Teilnahmen: 15

WM-Titel: 1 (1998)

Schlüsselspieler: Antoine Griezmann (Atlético Madrid), Paul Pogba (Manchester United), Raphael Varane (Real Madrid)

Gruppengegner: Australien, Peru, Dänemark


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Stärken: Individuelle Klasse.

Frankreich hat den teuersten Kader aller WM-Teilnehmer. Tatsächlich ist der letzte EM-Gastgeber auf allen Positionen top besetzt, zum Teil doppelt und dreifach. Die Innenverteidigung ist (im Gegensatz zur Heim-EM) keine provisorische. Mit Raphael Varane (Real Madrid) steht ein vierfacher Champions-League-Sieger neben Samuel Umtiti, dessen neuer Vertrag beim FC Barcelona eine Ausstiegsklausel von satten 500 Millionen Euro beinhaltet. Wenn solche wahnwitzigen Zahlen in der heutigen Zeit nicht mehr allzu viel bedeuten, so ist zumindest Umtitis großartige Spielweise ein Indiz dafür, dass Frankreichs zentrales Abwehrgespann zu einem der besten weltweit gezählt werden sollte.

Eine Reihe weiter vorne steht Didier Deschamps ein sehr ausgewogenes Mittelfeld zur Verfügung. N’Golo Kanté ist der Traum-Mitspieler jedes Ballkünstlers, hält er doch mit unermüdlich kämpferischer Spielweise seinen Mannschaftskollegen den Rücken frei und bringt gegnerische Angreifer mit seiner Omnipräsenz am Platz zur Verzweiflung. Nicht minder bewegungsfreudig ist die “Lunge” des Nationalteams, Blaise Matuidi. Technisch nicht der versierteste Spieler im Mittelfeld ist der Juventus-Star doch eine sehr nützliche Waffe im Spielaufbau. Er wählt meist die einfache Variante, was ihm heuer eine Passquote von 91,6 % bescherte und dem Spiel der Franzosen die nötige Sicherheit verleiht. Sicherheit, die eine Mannschaft benötigt, ist Paul Pogba, ihr Fädenzieher. Mal resultiert dessen unberechenbare Genialität in einer Torvorlage, mal in einem unnötigen Ballverlust. Zwei Arbeiter hinter sich zu haben, gibt dem viel kritisierten Spielgestalter zusätzliche Freiheiten.

Der wahre Trumph ist aber der Angriff. Für viele keine nachvollziebare Wahl als gesetzter Stoßstürmer, braucht sich Olivier Giroud mit 31 Toren aus 74 Länderspielen nicht zu verstecken. Kylian Mbappé und Antoine Griezmann werden sowieso zu den besten Stürmern der Welt gezählt, letzterer sicherte sich bei der EM 2016 mit sechs Treffern die Torjägerkrone. Wechselvarianten wie Thomas Lemar und Ousmane Dembélé lassen nicht nur andere Nationen in Neid ersticken, sondern auch Alexandre Lacazette, Anthony Martial und Kingsley Coman — drei Männer, die ob des geballten Offensivtalents keinen Platz in Frankreichs WM-Kader haben.

Schwächen: Fehlender Leader.

Laurent Blanc, Marcel Desailly, Lilian Thuram, Didier Deschamps, Patrick Viera, Robert Pirés, Youri Djorkaeff und natürlich Zinédine Zidane — die glorreiche Generation von 1998 und 2000 war nicht nur gespickt mit Weltklasse-Spielern, sondern vor allem mit Führungspersönlichkeiten. Auch die damals jungen Wilden Thierry Henry und David Trezeguet entwickelten sich früh zu absoluten Leadern.

Der heutigen Mannschaft fehlt es sichtlich nicht an Qualität. Den Spielertyp, dem es zuzutrauen ist, in brenzligen Situationen das Zepter an sich zu reißen und die Mannschaft zum Sieg zu führen, sucht man aber vergeblich im Aufgebot der Franzosen. Jemand, der das Team bei einem Halbzeitrückstand in der Kabine aufbauen kann, am Platz als Stimmungsmacher fungiert. Karim Benzema wäre so jemand, oder Mamadou Sakho, beide von Deschamps nicht berücksichtigt. Sie waren es übrigens auch, die Frankreich im Playoff gegen die Ukraine zur letzten WM schossen, nachdem man das Hinspiel 0:2 verloren hatte. Dem Verteidiger von Crystal Palace gelangen damals seine einzigen beiden Tore für sein Land.

Genau diese mentale Stärke in den entscheidenden Situationen fehlt nun bei “Les Bleus”. Varane und Umtiti sind zweifellos weltklasse, das laute Dirigieren übernehmen bei ihren Vereinen allerdings Sergio Ramos und Gerard Piqué. Paul Pogbas gewöhnungsbedürftige Körperhaltung an sich strahlt schon weniger Selbstbewusstsein aus, als seine kreativen Frisuren. Wenn der Spielverlauf gegen seine Mannschaft spricht, ist er selten der Spieler, von dem Initiative ausgeht. Vielmehr steckt er sein Umfeld mit lustloser Körpersprache und hängenden Schultern an.

Das 1:1 im letzten Länderspiel vor der Weltmeisterschaft gegen ein junges US-Team darf natürlich nicht überbewertet werden. Vor allem, weil 19:2 Schüsse und 69 % Ballbesitz, via ESPN, in den meisten Fällen für ein besseres Resultat sorgen. Trotzdem vermisst man in der Mannschaft den Elan und Siegeswillen, den man sich vor einem Großereignis erwarten kann. Nach Mbappés Ausgleich heizte dieser die Mannschaft und das Stadion mit Handgesten noch einmal an, seine Mitspieler wiederum trabten lustlos zurück in die eigene Hälfte, ohne ihren Youngster zu herzen, geschweige denn Anzeichen von Glücksgefühlen und Freude zu zeigen.

Am Samstag wartet mit Australien ein ähnlich tiefstehender Gegner. Den Franzosen muss ein schwungvoller Start ins Turnier gelingen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie als haushoher Gruppenfavorit nicht die erste Runde überstehen.

Player to Watch: Kylian Mbappé

Am Tag des WM-Eröffnungsspiels ist Kylian Mbappé 19 Jahre und 176 Tage alt. Für Frankreich zählt der zweitjüngste WM-Starter jetzt schon zu den ganz großen Hoffnungsträgern. Bereits im Oktober portraitierten wir den jungen Pariser ausführlich. Seitdem ist er etwas älter, reifer und noch ein Stück besser geworden. Nicht weniger als 21 Tore bei 16 Torvorlagen gelangen dem Stürmer heuer für Paris Saint-Germain.

So selbstverständlich seine Rolle als Leistungsträger bei der AS Monaco und aktuell beim PSG ist, so startet das Talent auch in seine Nationalteamkarriere. Von seinem ersten Spiel im blauen Dress an merkt man, dass Mbappé kein gewöhnlicher Teenager ist. Mittlerweile ist kaum ein Platz in der französischen Starformation so in Stein gemeißelt, wie seiner. Auch neben gestandenen Stars, wie Pogba oder Griezmann, wirkt seine Ausstrahlung weiterhin natürlich selbstbewusst, aber in keinster Weise abgehoben.

Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft ist Mbappé für sein Heimatland gehörig in Torlaune gekommen. Drei Tore in den letzten vier Spielen machen ihn zu einem der Geheimtipps auf die Torjägerkrone in Russland.

Prognose: Der französische Kader ist für viele der stärkste der Welt. Die fehlende mentale Stärke könnte der jungen Truppe in der entscheidenden Phase aber alles kosten. Im Halbfinale ist deshalb Schluss und “Les Bleus” müssen sich mit Bronze begnügen.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

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