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Hochhäuser und ihre dunkle Seite

In Wien sorgen hochgebaute Häuser meist für Kontroversen — aber warum?

Hochhäuser und ihre dunkle Seite 26. Juni 2018Leave a comment

Redakteur

Hochhäuser

In Wien wird fleißig gebaut. Akuter Wohnungsmangel und starker Zuzug veranlassen die Stadtverantwortlichen in immer mehr Gebieten, die maximale Bebauhöhe drastisch nach oben zu setzen. Das Gelände um den Franz-Josefs-Bahnhof, der sogenannte Althangrund im 9. Wiener Gemeindebezirk, soll nun erneuert werden und die Möglichkeit für Türme in der Höhe von bis zu 126 Meter bieten. Bürgerinitiativen und Opposition im Wiener Landtag laufen Sturm dagegen.

Hochhausbau führt in Wien meist zu hitzigen Diskussionen. Wenngleich das Thema nicht die gleiche Prominenz hat wie die ewige Frage der Immigration, so ist es doch eine Angelegenheit, die alle Wiener gleichermaßen betrifft und man selten auf Personen ohne Meinung trifft.

Der vorläufige Höhepunkt der Debatte wurde beim Streit um den Wiener Heumarkt erreicht. Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou stand im Kreuzfeuer der Kritik. Es ist schwer, bei der Vielzahl an Wortmeldungen zu den kontroversen Bauprojekten den Überblick zu behalten. Doch wogegen richten sich die Beschwerden und wieso gibt es in den letzten Jahren solch einen Hochhaus-Boom in Wien?

Hier das Projekt MySky und rechts daneben der sich im Bau befindliche Turm “Hoch 33”.
Warum Hochhäuser?

Das offensichtlichste Argument für den Hochhausbau in Städten ist der fehlende Platz. Aufgrund der rapiden Bevölkerungszunahme seit gut zehn Jahren muss in der Bundeshauptstadt fleißig gebaut werden. Die Fläche, die bebaut werden kann, ist allerdings begrenzt. Über 45 Prozent des knapp 415 Quadratkilometer großen Wiens entfallen auf Grünflächen.

Um die Lebensqualität nicht zu gefährden muss also in die Höhe gebaut werden. Neu ist dabei nicht die Höhe, sondern dass die Türme für Wohnzwecke genutzt werden. Die imposantesten Projekte sind dabei der geplante Turm Danube Flats in Kaisermühlen und das Mega-Bauprojekt Triiiple in der Landstraße.

Auf den ersten Blick bieten Hochhäuser eine Menge Vorteile. Diese Art der Stadtbebauung versucht effizient mit dem Platz umzugehen und ermöglicht eine Verdichtung der Bevölkerung in gewissen Gebieten wie zum Beispiel der Donau City.

Von Häusern und ihren Schatten

Die auf den ersten Blick praktischen Hochhäuser ziehen allerdings auch immer wieder heftige Kontroversen nach sich. Der Bau der Danube Flats verzögert sich mittlerweile wegen anhaltender Proteste der Anrainer bereits um Jahre. Einerseits wird durch einen zusätzlichen Turm die Zunahme von Wind und Lärm befürchtet, andererseits wollen die Bewohner des Hochhaus Neue Donau ihre Aussicht nicht verlieren.


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Kritik wird immer dort laut, wo die Sinnhaftigkeit der Hochhäuser angezweifelt wird. So etwa auch am besagten Althangrund. Eine Bürgerinitiative formierte sich als Reaktion auf die Pläne der Stadtregierung. Sie wendeten sich mit  drei Forderungen an die Stadtregierung: Die unverhältnismäßige Höhe der Türme soll reduziert werden, Alternativen zu einer Tiefgarage sollen transparent geprüft und BürgerInnen aktiv informiert und eingebunden werden. Zudem wünschen sich die Anrainer, dass nicht so hoch gebaut wird, um mit den dortigen Häusern aus der Gründerzeit das Stadtbild nicht zu zerstören.

Die rot-grüne Regierung hat nach langen Protesten der Anrainer und der Opposition eingelenkt — die Höhe wurde reduziert und die Bürger werden nun besser eingebunden. Dieser Fall ist ein gutes Beispiel für einen Kompromiss, mit dem schlussendlich beide Seiten leben können.

Immer noch hoch

Die Sprecher der Bürgerinitiative sprechen von einem Teilerfolg, bei dem noch viel zu tun bleibt. Denn obwohl die Höhe der Türme nun drastisch reduziert wurde, wird der geplante Hochpark mit 58 Metern dreimal so hoch wie die umliegenden Häuser aus der Gründerzeit. Sie fordern vor allem, dass es einen zentralen Ansprechpartner geben sollte. Auf eine Anfrage von kultort.at bezogen sie zu Hochhäusern klare Position:

Spätestens seit dem Heumarkt-Debakel sollte der Politik klar sein, dass die Wiener und Wienerinnen Hochhäuser im innerstädtischen Wien abgewählt haben.

Zum Thema kritisiert NEOS-Vorsitzende Beate Meinl-Reisinger, die sich immer wieder zum Wiener Wohnbau zu Wort meldet, dass es auf politischer Ebene keine klaren Vorgaben zur Einbeziehung der Bürger seitens privater Bauträger gibt:

Das Bekenntnis zur Einbeziehung der Bevölkerung muss seitens der Politik passieren und nicht von den privaten Investoren.

Die Symbolik erzeugt die Spannung

Die Kontroverse um die Hochhäuser in Wien hat einen interessanten Charakter. Die Diskussion scheint die übliche politische Einordnung der KritikerInnen nicht zuzulassen. Während selbst Radfahren zu einem Thema geworden ist, bei dem sich Linke und Rechte gleichermaßen zanken, gibt es eine breitere Allianz gegen die Hochhäuser.

© Frans Vandewalle/ Flickr
Pieter Bruegel der Ältere malte 1563 Großer Turmbau zu Babel. Der Turm ist schon seit jeher Metapher für menschliche Hybris. © Frans Vandewalle/ Flickr

Wohntürme sind elitär. Es ist kein Geheimnis, dass sich die Vermarktung der Wohneinheiten in den Triiiple-Türmen an die urbane Upper-Class richtet. Genauso ist es auch bei den anderen großen Bauprojekten. Im Gegensatz zu Dachgeschoßausbauten beispielsweise, deren Mieter sich für gewöhnlich ebenfalls nicht aus der Arbeiterschicht rekrutieren, ist der zivile Widerstand auch hier groß.


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Ziviles Unbehagen könnte aber auch an der Symbolik von Türmen liegen, wie Soziologen und Psychologen manchmal behaupten. Schon seit Jahrhunderten gilt der Turmbau als Symbol für gesellschaftliche Elite. Der Turm ist ein offenes Zur-Schau-Stellen von Reichtum und lenkt die Aufmerksamkeit damit auch auf Debatten sozialer Ungleichheiten.

So gesehen wäre der Widerstand gegen den Hochhausbau in Wien verständlich. Andererseits: Wenn sich Reichtum ins Dachgeschoss zurückzieht, wird er in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen. Reichtum als gesellschaftliches Phänomen aus der Öffentlichkeit zurückzudrängen ist nicht ungefährlich, denn damit wird auch riskiert, seine gesellschaftliche Relevanz unter den Teppich zu kehren. Dem Streit um die Hochhäuser kann damit etwas Positives abgewonnen werden. Wenn man ihn auf symbolischer Ebene versteht, rückt er sozialpolitische Themen ins Zentrum.

Jakob auf Twitter: @jakob_schott

[Foto: © 6B47/ZOOMVP]

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