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Alles, was ihr über das WM-Halbfinale wissen müsst

Vier Europäer kämpfen um den größten Titel im Weltfußball

Alles, was ihr über das WM-Halbfinale wissen müsst 9. Juli 2018Leave a comment

Ressortleiter Sport

Frankreich, Belgien, England oder Kroatien. Eine dieser Nationen steht kommenden Sonntag Kopf. Doch bevor es im Finale um den Titel geht, wartet noch die vorletzte Hürde. Wir wagen unsere Prognosen für die beiden Halbfinale der Fußball-WM 2018:


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Frankreich vs. Belgien (10. Juli, 20:00 Uhr)

Nur vier Tage nach Brasilien wartet auf Belgien der nächste Weltmeister. So nah am Ziel war das Team bisher nur 1986, als man im Halbfinale an Argentinien gescheitert ist. Die Ausgangssituation ist heuer einfacher, Gegner Frankreich ist nicht besser. Die goldene Generation Belgiens ist möglicherweise am Zenit angelangt, ihre wichtigsten Stützen sind im perfekten Fußballalter und Routiniers wie Vincent Kompany spielen wohl zum letzten Mal eine tragende Rolle bei einer WM. Dazu komplettieren junge, hungrige, vielversprechende Spieler wie Michy Batshuayi den ausgewogenen Kader. Die Souveränität aus der Gruppenphase konnte Belgien nicht in die K.-o.-Partien mitnehmen, die Effektivität und Torgefahr schon. Gegen Japan reichten 25 Minuten für drei Tore und den Aufstieg, gegen Brasilien waren es 18 Minuten für zwei Tore und die Vorentscheidung.

Ist die Angriffsabteilung die offensichtliche Stärke der Mannschaft, so bringt Belgiens Defensive nicht weniger Qualität mit. Vom eingespielten Tottenhamer Abwehrgespann Vertonghen-Alderweireld über Kapitän Kompany bis hin zu Chelsea-Schlussmann Thibaut Courtois steckt unglaublich viel Qualität in den Reihen der Belgier. Der Schlussmann war einer der Hauptgründe für das Weiterkommen gegen Brasilien.

Ein weiterer Grund dafür, dass Belgien unter den letzten Vier steht, ist Romelu Lukaku. Dass er sich seit dem zweiten Spieltag nicht mehr in die Schützenliste eintragen konnte, schmälert seine Wichtigkeit nicht im Geringsten. Ohne den Ball zu berühren war seine Rolle beim Siegtor gegen Japan durch den Laufweg und das geniale Durchlassen des Balles mit die größte. Auch gegen Brasilien verstand es der Stürmer, in einem System, dass er unter Coach Roberto Martínez bereits bei Everton spielen musste, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Groß, muskelbepackt und trotzdem unglaublich schnell und agil — der United-Star ist der Traumstürmer für fast jeden Spielstil.

Belgien trifft so gut wie in jedem Spiel. Seit dem EM-Auftakt 2016 immer außer zweimal, um genau zu sein. Einfach wird das Toreschießen im Halbfinale aber nicht, denn mit Hugo Lloris steht auch bei Frankreich ein Top-Mann im Tor, der seinen Kasten in drei der fünf WM-Matches sauber halten konnte. In N’Golo Kanté hat man den vermeintlich wichtigsten Baustein in der Verteidigung gegen Kevin De Bruyne und Eden Hazard zur Verfügung, der Brasilien im Viertelfinale in Person des gesperrten Casemiros fehlte. Zudem kommt Blaise Matuidi nach seiner Sperre zurück und wird sich ähnlich an De Bruyne kletten, wie er es gegen Argentinien bei Lionel Messi getan hat. Trotz Kritik ist auch der Wert Paul Pogbas für das französische Nationalteam enorm groß. Nicht nur viele gefährliche Angriffe haben ihren Ursprung an seinem Fuß, defensiv übernimmt der Mittelfeldspieler ebenso eine wichtige Rolle.

Durch Pogbas Genialität und Kylian Mbappés Schnelligkeit ist das Offensivspiel Frankreichs sehr stark rechtsorientiert. Antoine Griezmann rückt daher ebenfalls des Öfteren aus dem Zentrum in halbrechte Position, um seine Mitspieler offensiv zu unterstützen. Belgien kann sich auf den Gegner einstellen, wird die rechte Offensivseite der Franzosen aber nicht gänzlich in den Griff bekommen, zumal Linksverteidiger Jan Vertonghen Geschwindigkeitsprobleme gegen Mbappé haben wird. Durch die starke Rechtskonzentration ist die linke Angriffsseite zumeist komplett frei, bisher konnten “Les Bleus” davon nur begrenzt profitieren, auch weil Lucas Hernandez als Außenverteidiger viel zu selten und viel zu langsam aufrückt. Wenn er es aber tut, endet dies meist in gefährlichen Situationen, wie beim Traumtor von Benjamin Pavard gegen Argentinien. Frankreich spielt außerdem in die Karten, dass mit Thomas Meunier der formstarke etatmäßige Rechtsverteidiger Belgiens gesperrt ist.

Einen wirklichen Favoriten hat das Spiel nicht, Kleinigkeiten werden es zugunsten des “großen Bruders” entscheiden. 20 Jahre nach dem bisher einzigen WM-Titel könnte Didier Deschamps zum zweiten Mal nach dem begehrtesten Pokal der Welt greifen.

Kultort-Tipp: 3:2 n.V.


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Kroatien vs. England (11. Juli, 20:00 Uhr)

Noch länger als Frankreich warten die Engländer auf den Weltmeistertitel. 1966 gelang ihnen dieses Kunststück — vier Jahre bevor ihr heutiger Trainer Gareth Southgate das Licht der Welt erblickte. Seither erreichte das Team einmal das Halbfinale, scheiterte 1990 aber am werdenden Weltmeister Deutschland.

Diesmal sieht die Ausgangslage deutlich anders aus, gegen Kroatien ist man Favorit. Zu hundert Prozent konnten die “Three Lions” bisher in keinem Spiel überzeugen und doch ist man zwei Siege vom Titel entfernt. Gegen Schweden machten sich einige Unsicherheiten im Defensivverhalten bemerkbar, dank eines günstigen Spielverlaufs und dem Rückhalt von Torhüter Jordan Pickford war der Aufstieg aber relativ souverän und unangefochten.

Nach fünf Partien kann man noch immer nicht genau sagen, wie gut diese junge englische Mannschaft wirklich ist. Bisher hatte sie viel Glück, das erste Gruppenspiel wurde erst in der Nachspielzeit gewonnen, die Niederlage gegen Belgien hat weitaus einfachere Gegner beschert und dem Achtelfinalgegner Kolumbien fehlte ihr bester Mann.

Der Sieg gegen defensiv eingestellte, robuste Schweden ist dennoch ein klares Indiz dafür, dass England seit der Europameisterschaft vor zwei Jahren einen großen Schritt nach vorne gemacht hat. Damals fand man gegen die ähnlich eingestellte Truppe aus Island bekanntlich kein Mittel und verließ bespottet das Turnier. Nun scheint Harry Kane in die Leader-Rolle hineingewachsen zu sein, führt nicht nur die Torschützenliste an, er stellt sich auch in den Dienst der Mannschaft. Der groß gewachsene Stürmer ist sich für keinen Zweikampf zu schade und übernimmt gerne untergeordnete Offensivrollen, wenn es das Spielsystem verlangt.

Auch der oft kritisierte Raheem Sterling war gegen Schweden, trotz seiner anhaltenden Torflaute, eine echte Waffe im englischen Angriff. Die Wege, die der unermüdliche Stürmer geht, eröffnen seinen Mitspielern Räume. Im Viertelfinale tauchte er überall in der gegnerischen Spielhälfte auf, forderte Bälle oder zog Gegenspieler auf sich, wie in folgender Grafik ersichtlich ist, wo alle Ballberührungen von Sterling gekennzeichnet sind:

Quelle: WELT

Schwierig wird die Aufgabe im Halbfinale für das englische Mittelfeld, insbesondere für Jordan Henderson, dem mehr defensive Aufgaben zugeteilt sind, als seinen Kollegen Dele Alli und Jesse Lingard. Das technisch brilliante Mittelfeldduo der Kroaten ist deren großer Trumpf. Luka Modrić und Ivan Rakitić haben ihr Team bereits ins erste Halbfinale seit der Premierenteilnahme 1998 geführt, wollen diesmal aber noch einen Schritt weiter kommen, als Davor Šuker und Konsorten vor 20 Jahren. Wie England konnte auch Kroatien nicht die beste Leistung in den bisherigen K.-o.-Spielen abliefern, sind dank des relativ einfachen Loses aber immer noch im Rennen.

Mit Argentinien konnte man einen vermeintlich Großen nicht nur ärgern, sondern nach allen Regeln der Kunst in Grund und Boden spielen. Gegen weniger ballbesitzorientierte Gegner muss Kroatien das Spielgeschehen selbst in die Hand nehmen, was an sich, ob der unglaublichen Qualität der beiden Mittelfeldregisseure, kein großes Problem darstellen sollte, bisher aber nicht optimal funktioniert. Gegen Russland war eine Steigerung zu sehen, man hätte durchaus nach 90 Minuten als Sieger vom Platz gehen können, richtig dominant war Kroatien aber wieder nicht.

Kroatien hat zwei kraftintensive Verlängerungen und nervenaufreibende Elfmeterschießen hinter sich. Gerade im Viertelfinale war deutlich erkennbar, dass die körperlichen Strapazen mit Fortschreiten des Turniers die Mannschaft schwächen. Der Halbfinalgegner musste zwar ebenfalls einmal in die Verlängerung, das Viertelfinal-Match gestaltete sich allerdings weitaus ruhiger und bot sogar die Möglichkeit früher Schonungswechsel. Die körperliche Verfassung der Kroaten könnte eine entscheidende Rolle um das Weiterkommen werden, auf die Physiotherapeuten wartet dieser Tage eine große Herausforderung.

Medial wird Kroatien die dankbare Außenseiterrolle zugeschoben, gegen England sind sie aber ebenbürtig einzuschätzen. Mit etwas weniger Ballbesitz als gegen Russland und Dänemark könnten sich die Kroaten wieder besser entfalten, aber auch England wird mehr Raum zur Verfügung haben, als gegen die letzten beiden Gegner. Uns erwartet eine Halbfinal-würdige Begegnung.

Kultort-Tipp: 1:1 n.V. (5:4 n.E.)

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Screenshot via YouTube: “Uruguay v France – 2018 FIFA World Cup Russia™ – Match 57” von FIFATV]

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