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Drogenbosse und Diva-Shows: Der etwas andere WM-Rückblick

Mit dem Finalsieg von Frankreich endete nicht nur die Weltmeisterschaft, sondern ebenso eine Zeit des medialen Wahnsinns

Drogenbosse und Diva-Shows: Der etwas andere WM-Rückblick 16. Juli 2018Leave a comment

stv. Ressortleiter Popkultur

Mit einer Fußball-Weltmeisterschaft verbindet man vorerst eines: Fußball. Dies ist aber ein Trugschluss. Viel mehr offenbart der beliebteste Sport der Welt. In dieser Kolumne zeigen wir euch, welche Kuriositäten die finale Phase hervorgebracht hat und wie die Öffentlichkeit damit umgegangen ist.

Der Beginn der Finalspiele

Nun gut, außer dass Deutschland mit dem vierten Platz aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden ist, erwarteten uns nicht allzu große Wunder in den Gruppenphasen. Natürlich gab es ein paar schwierige Spiele und knappe Aufstiege — alles in allem waren aber sportliche Überraschungen Mangelware. Abseits des Feldes durften wir umso mehr jubeln: Mit der neuen Netflix-Serie Hand Gottes wird nach Narcos die nächste Geschichte eines südamerikanischen Drogenbosses (Diego Maradona) verfilmt. Erfreulich das WM-Aus für Joshua Kimmich: Er konnte aufgrund des Ausscheidens mit ins Pfadfinder-Camp in die Südsteiermark. Nichtsdestotrotz wollen wir jetzt über die K.-o.-Phase sprechen.


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Das erste Spiel des Achtelfinales lieferte gleich die erste Sensation: Argentinien verlor nur (!) 4:3 gegen Frankreich. Nachdem die Messi-Bande (anscheinend haben sie ihre Hotelzimmer extrem zugerichtet) WM-Favorit Island rund um Superstar Finnbogason eliminierten, scheiterten sie gegen starke Franzosen. Im Duell der Sturm-Giganten Uruguay und Portugal siegten die “Urus” nach Traumtoren von Edi Cavani. Damit ist “CR7” WM-Geschichte. Um in den Medien zu bleiben, wechselte dieser unverzüglich zu Juventus Turin, die das neue Real Madrid zu sein scheinen. Die spanische Top-Mannschaft ist jetzt genauso irrelevant wie Kevin Kurányi im deutschen Fernsehen.

Historische Überraschungen

Für ein weiteres Spektakel sorgten die hungrigen Russen, die Dauerfavorit Spanien in die Knie zwangen. Die Spanier sind damit das nächste Großkaliber, das vorzeitig gehen muss — vielleicht sollten sie die Psychologen der alten ÖVP kontaktieren, die kennen sich ja bekanntlich mit solchen Niederlagen aus. Ins Elfmeterschießen mussten, wie bereits die “Sbornaja” und Spanien, die tapferen Kroaten. Nach dem angekündigten Grillfest von Sturmtank Mandžukić lagen die Ćevapčići wohl schwer im Magen. Da jedoch mehrfach Pausen eingebracht wurden, konnte Torhüter Subašić nach einigen Toilette-Aufenthalten zu gewohnter Dynamik zurückkehren und parierte einen Elfmeter nach dem anderen.


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Die Brasilianer tänzelten sich ebenso zu den letzten Acht. Grandios zurückkämpfen konnten sich die Belgier, die damit bewiesen: Niemals aufgeben. Eine Strategie, die sie von den Dschungelcamp-Kandidaten der letzten Jahre in puncto medialer Aufmerksamkeit adaptiert haben. Niemand gerechnet hat indes mit einem Verbleib von Schweden. Niemand? Doch, König Zlatan sagte den Sieg der Skandinavier voraus. Der ging später dazu eine Wette mit Ikone David Beckham ein. Dessen Engländer siegten in einem harten Spiel gegen Kolumbien. War das Spiel zwar wenig anschaulich, so kamen endlich die Wrestling-Fans auf ihre Kosten. Historisch wurde wenig später der Verbleib der Engländer durch einen Sieg im Elfmeterschießen. So etwas ist ungefähr so selten wie eine Sonnenfinsternis oder ein grammatikalisch korrekter Satz von Herbert Prohaska.

Europa triumphiert im Viertelfinale

Nicht nur das erste Achtelfinale, auch das erste Viertelfinale entschieden die Franzosen für sich. Verdanken müssen sie das aber zwei Herren, die nicht mal in ihren eigenen Reihen spielen. Zum einen Mats Hummels, weil der Raphaël Varane im Viertelfinale der WM 2014 vormachte, wie man als Verteidiger Tore machen kann. Zum Anderen Loris Karius, weil er nicht nur Vorbild von David de Gea, sondern auch von Fernando Muslera wurde. Tormannfehler sind nun genauso entscheidend bei wichtigen Spielen wie ehemals Wettbeiträge bei Grödig-Matches.


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Im hochkarätigsten Spiel der letzten Acht zwischen Belgien und Brasilien kam es zu einer wahren Schlacht. Nach schneller Führung der Belgier legten die “Roten Teufel” durch De Bruyne traumhaft nach. Infolgedessen kam es zu wilden Angriffen der Brasilianer, die nur noch auf ein 1:2 verkürzen konnten. Ebenso spannend gestalteten sich die Wettspielchen, wie lange Neymar am Boden liegen würde. Auf satte 14 Minuten brachte es die teuerste Diva der Welt im gesamten Turnierverlauf. Im Vergleich: In 14 Minuten schafft ein Würstelverkäufer am Wiener Gürtel ganze sechs Kunden — und da liegt kein einziges Würstchen am Boden. Nichts zu feiern also für Südamerika, die nicht eine Mannschaft ins Halbfinale brachten. Dafür hatten andere Zeit für Party.

Ausgerechnet die sonst als Turnierversager bekannten Engländer schafften den Einzug ins Halbfinale. Grund genug für die ganze Insel “It’s Coming Home” zu grölen. Das lag daran, dass die schwedische Mannschaft harmlos agierte und verdient mit 0:2 ausschied. Freuen darf sich Beckham, der die Wette gegen Ibrahimovic gewann. Teuer wird der Wetteinsatz (ein gemeinsames Abendessen) allerdings nicht, bekannterweise kostet ein Hotdog-Menü inklusive Getränk bei IKEA nur satte 1,50. Nicht so billig verkauften sich die Russen, die auf eine gelungene Heim-WM zurückblicken dürfen. Nachdem die Kroaten schon wieder im Elferschießen den Längeren zogen, heißt es Heimfahren für die Russen. Naja gut, sie sind eh schon zu Hause.

Die letzten vier Spiele

Frankreich, Belgien, England und Kroatien. Die letzten vier Nationen, die sich um die Weltmeisterschaft streiten durften. Die zwei Besten mussten sich allerdings schon in der ersten Begegnung messen. Während Frankreich mauerte wie Richard Lugar bei den Fragen von Peter Klien, zündeten die Belgier erneut den Turbo. Ihre Bemühungen waren vergebens, Umtiti erzielte per Kopf die Führung und die Belgier liefen ein ums andere Mal gegen die französische Konterkünstler an. Postum meinte etwa Eden Hazard, sie wären die beste Mannschaft der WM gewesen. Selbiges behauptet jedoch Stefan Maierhofer als Einzelspieler in Österreich zu sein — wir wissen also, wie wir mit solchen subjektiven Behauptungen umgehen müssen.

Kein “Coming Home” für die “Three Lions”. Nach langer 1:0-Führung glichen die niemals müden Kroaten in der regulären Spielzeit aus, ehe der bärenstarke Mandžukić in der Verlängerung Kroatien ins Finale schoss. Dicke Tränen flossen bei den Engländern, ähnlich dramatisch war in den letzten Jahrzehnten wohl nur die Auflösung von Take That. Trotzdem ist man stolz auf die Mannschaft, immerhin haben sie sich nicht komplett angeschüttet. Kroatien geht, als wären sie die unbezwingbaren Gallier, in das wichtigste Spiel des Jahres. Bleibt nur zu hoffen, dass Verteidiger Vida nicht wieder permanent ausgepfiffen wird — wegen seiner goblinähnlichen Frisur, wie wir glauben, nicht wegen seiner politischen Äußerungen.

Der große Abschluss

Obwohl Harry Kane den goldenen Schuh gewonnen hat, blieb er, genauso wie die komplette englische Nationalmannschaft, im Spiel um Platz 3 relativ blass. Das Spiel erinnerte sowieso eher an ein Testspiel von St. Pölten gegen LASK Linz als an ein Messen von Top-Mannschaften im Weltcup. Im Duell der Traurigen siegten dann, wie bereits im Gruppenspiel, die Belgier. Deren goldene Generation bleibt ohne Titel, ganz so als wären sie in der politischen Führungsriege Österreichs.


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Das große Finale bot im Gegenzug alles, was das Fußballherz begehrt: viele Tore, wenig Fouls und ein paar Idioten, die das Feld stürmen. Schlussendlich siegten die Franzosen verdient, sie waren getrost die souveränste Mannschaft des Turniers. Dennoch ließen auch sie Schwächen zu, so machte Lloris noch einen letzten “Karius” und Olivier Giroud bleibt torlos. Gerüchten zufolge trifft es den Chelsea-Stürmer im Wechselkarusell des Sommers. Interessenten: Wacker Innsbruck und FC Mauerbach. Die Kroaten, die bis zur letzten Sekunde kämpften, dürfen erhobenen Hauptes die Bühne verlassen. Auch wenn die gesamte Ottakringer Straße in ein Tal der Tränen verfallen ist — es kommt schon bald das nächste Turnier.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Doha Stadium Plus Qatar/Flickr/CC BY 2.0]

stv. Ressortleiter Popkultur

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