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Zwischen Faustkampf und Freundschaft: Fußball-Fankultur in Polen

Gewalt, Ausschreitungen, Rassismus: Die polnische Fankultur leidet unter unzähligen Vorurteilen. Wir waren in Warschau und haben uns ein eigenes Bild gemacht

Zwischen Faustkampf und Freundschaft: Fußball-Fankultur in Polen 21. Oktober 2018Leave a comment
Auf einer Wand in Warschau steht "Hooligans".

Es läuft die 54. Minute. Zagłębie Sosnowiec trifft zum Ausgleich gegen Legia Warschau. Fans beider Vereine liegen sich in den Armen. Draußen vor dem Stadion stehen hunderte Polizist*innen. Ein Tag wie dieser verdeutlicht, wie bizarr die Widersprüche sein können.

Fans und Kultur, Fußball und Kultur. Begriffe, die für viele Menschen auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Sie sehen darin Paradebeispiele für Gegensatzpaare, Fußball habe mit “Kultur” nichts zu tun. Die Fans des polnischen Fußballklubs Legia Warschau wissen durch Gewalt und Ausschreitungen aufzufallen, doch sie setzen regelmäßig Zeichen, die weit über Sport und Kultur hinausgehen. Damit zeigen Fans, dass der Fußball zu Vereinigung, Toleranz und Freundschaft führen kann.

Teil der Kultur

“Fankultur ist einfach Teil der Kultur und ich habe keine Zweifel darüber”, sagt Michał Karaś, Experte der polnischen Fanszene. Noch immer hat sein Wort in Fußballkreisen Gewicht, auch wenn er sich mittlerweile in erster Linie auf seiner Plattform mit der Arbeit über Stadien beschäftigt. Die polnische Szene beschreibt Karaś als militant, widerstandsfähig und männlich. Der Fokus liege auf Patriotismus sowie Nationalismus, die sich mehr oder weniger absichtlich vermischen. Trotzdem ist die tatsächliche Gewalt aktuell bei weitem nicht so hoch, wie sie gerne klischeehaft beschrieben wird. Eine Einschätzung, die die offizielle Seite Legia Warschaus teilt. Eine Vereinsmitarbeiterin bestätigt, dass an Spieltagen beinahe jeder Quadratmeter rund um das Stadion überwacht wird und es deshalb nur in den seltensten Fällen zu Schlägereien mit den Auswärtsfans kommt.

Polen Fankultur_Warschau
Auf Warschaus Hauptplatz deutet nichts auf Fußball hin. Ansonsten ist das Stadtbild von der aktuellen Nummer eins im polnischen Fußball geprägt. Konkurrenz gibt es kaum, der Stadtrivale Polonia Warschau spielt mittlerweile in der vierthöchsten Fußballliga.
Noch rechter als die Regierung?

“Bei Auswärtsspielen der polnischen Nationalmannschaft möchte ich nicht unter den polnischen Fans sitzen. Viele von ihnen sind rechtsextrem und denken noch rechter als die Regierungspartei PiS [Recht und Gerechtigkeit]”, sagt ein Mann, der in Warschau geboren ist. Łukasz* ist Familienvater und möchte zusammen mit seiner Frau seinem Kind den Zugang zu so vielen Sportarten wie nur möglich gewähren. Seine Anschuldigungen bezieht er explizit auf Auswärtsspiele. Heimspiele Polens könne man bedenkenlos besuchen.

Łukasz liebt den Sport. In der polnischen Fankultur sieht er jedoch überhaupt keine positiven Aspekte. Seine Abneigung hat sogar dafür gesorgt, dass er beim WM-Qualifikationsspiel Montenegro gegen Polen lieber im neutralen Sektor, als im Auswärtssektor seines Landes Platz genommen hat.

Zwar gelten im Stadion grundsätzlich die gleichen Werte und Regeln für das Menschsein, doch sie scheinen vereinfacht. Als Teil einer Masse ist weniger Platz für kritisches Denken, dafür zur gleichen Zeit ein deutliches Mehr an Verbundenheit und Loyalität untereinander.

Hand in Hand im Stadion

Ein völlig anderes Bild als bei Auswärtsspielen der polnischen Nationalmannschaft hat sich beim Spiel Legia Warschau gegen Zagłębie Sosnowiec in der Ekstraklasa, der höchsten polnischen Fußballliga, geboten. Legia Warschau, das vor zwei Jahren immerhin ein 3:3 gegen Real Madrid in der Champions League geholt hat, ist in der diesjährigen Europa-League-Qualifikation an F91 Düdelingen aus Luxemburg gescheitert. Den Trainer entließ der polnische Meister schon nach dem verlorenen Hinspiel. Inmitten einer der größten sportlichen Krisen, die der Ligakrösus aus Warschau zurzeit durchlebt, sorgen die Fans für ein nicht für möglich gehaltenes Spektakel.

Polen Fankultur_Legai Warschau Fans im Stadion
“Spieler, sucht euch eine richtige Arbeit. Im Sport werdet ihr nicht gebraucht”, steht auf dem aufgehängten Spruchband der Legia-Fans. Grund für den Protest sind die zuletzt gezeigten Leistungen mitsamt des Ausscheidens in der Europa-League-Qualifikation.

Anhänger beider Fußballklubs feiern in diesem Spiel gemeinsam auf einer Tribüne beide Mannschaften gleichermaßen an. Doch von Sensation und Aufregung rund um dieses Spiel keine Rede. Spricht man mit den Zuseher*innen, sowohl im Familien- als auch im Fansektor, wirkt es, als handle es sich um ein gewöhnliches Fußballspiel. Zwei offensichtlich betrunkene Männer führen die vorhandene Freundschaft beider Fanlager auf eine ureigene männliche Verhaltensweise zurück: das gemeinsame Trinken. Ein weiterer Zuseher streicht dies sogar als typisch polnische Eigenschaft hervor: “Uns geht es schlichtweg darum, zusammen Spaß zu haben, denn die Spieler unserer Teams sind sowieso schlecht.”

Was die beiden Klubs vereint

Diese Erklärungen wären allesamt zu kurz gegriffen, weiß auch Michał Karaś. Für ihn fängt die positive Anomalie der Fankultur bereits in den 1970er-Jahren an. Grund dafür war die gemeinsame Unterstützung von Władysław Grotyński. Der Ex-Spieler beider Klubs musste ins Gefängnis, als er nach einem Europacup-Spiel versuchte, US-Dollar zu schmuggeln. Dass die außergewöhnliche Freundschaft beider Vereine bis heute anhält, ist auch ihrer geografischen Verortung zu verdanken. Zagłębie liegt in Schlesien, der reichsten Region Polens. Der Klub selbst zählt sich aber nicht zu den berühmten und anerkannten Vereinen, sondern hat sich über Jahrzehnte eine eigene starke Identität aufgebaut. Diesen Widerstand gegenüber dem Großteil der schlesischen Klubs teilen sie mit ihren Kollegen aus Warschau.

Das Spiel selbst endet mit einem hart erkämpften 2:1-Sieg für Legia. Die Stimmung war über 90 Minuten enthusiastisch und positiv. Wenn man bei den Toren beider Mannschaften genau hinhörte, konnte man das Gefühl bekommen, dass sich die Mehrheit im Stadion wohl mehr über einen Sieg der viel bejubelten Gäste gefreut hätte. 

Fankultur als schmale Gratwanderung

Auf Nachfrage bestätigt Łukasz, dass dieses Spiel wohl das einzig Positive an der polnischen Fankultur sei. Wiewohl er noch im gleichen Satz betont, dass “der Hauptstadtklub sonst überhaupt keine Freunde im Land habe. Alle anderen hassen Legia Warschau.” Der Vollständigkeit halber wirft der Fußball-Fachmann ein, dass sich mit Olimpia Elbląg aus der dritthöchsten Spielklasse Polens ein weiterer nationaler Verein mit Legia verbunden fühlt.

“Außerdem gibt es eine internationale Freundschaft mit ADO Den Haag aus den Niederlanden,” sagt ein Zuseher, der selbst auf der Fantribüne sitzt. Der angesprochene Hass äußert sich vor allem in wiederkehrenden Zusammenstößen mit den Fans Lech Posens. Doch auch zwischen Fans und der eigenen Mannschaft kam es 2017 zur Eskalation. Nach einer 0:3-Auswärtsniederlage in Posen attackierten rund 70 Menschen einige Spieler sowie Teile des Betreuerstabs.

Parallelen zur Gesellschaft

Dass Stadien als große öffentliche Bühne für Rassismus und Diskriminierung dienen, ist ein Problem, das quer durch Europa zu finden ist. “Es kann passieren, dass in emotionalen Momenten rassistische Bemerkungen fallen und ebensolche Sprüche geklopft werden. Eine rassistische Grundtendenz ist aber keineswegs gegeben,” sagt eine offizielle Legia-Mitarbeiterin. Ganz so entspannt sieht Michał Karaś diese Thematik nicht: “In Polen ist die Situation mit Sicherheit schlimmer als in Österreich. Xenophobie und Homophobie sind in der gesamten Gesellschaft stärker ausgeprägt und Fußballplätze bieten mit ihrem traditionellen rechtskonservativem Umfeld genau den richtigen Nährboden.”

Im österreichischen Fußball fallen vor allem die Fans der Wiener Großklubs SK Rapid und FK Austria immer wieder auf. Rassistische und diskriminierende Äußerungen sind aktuell kaum ein Problem. Dafür gibt es in den letzten Jahren zahlreiche Vorfälle durch das Werfen von Gegenständen auf das Spielfeld, sowie tätliche Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen.

Positive Entwicklungen im polnischen Fußball stellen die stärkere Einbindung von Frauen und behinderten Menschen dar. Verantwortlich dafür zeigen sich in erster Linie die Vereine, und nicht die Fans. Frauen finden ihren Platz in immer freundlicher gestalteten Familiensektoren, während behinderte Fußballfans von einem nationalen Netzwerk profitieren. Die Stadien werden zunehmend attraktiver, gleichzeitig bleiben die Eintrittskarten günstig. Die soziale Schicht ist deshalb kein Ausschlusskriterium in polnischen Stadien.

Polen Fankultur_Streetart Warschau
Mit hohem Aufwand und Liebe zum Detail versuchen die Anhänger Legia Warschaus, “ihre Stadt” zu schmücken.
Die europäische Fankultur als eine Frage der Perspektive

Laut Football Supporters Europe, einem Netzwerk europäischer Fußballfans aus derzeit 48 Ländern, gibt es keine europäische Fankultur. Es existiere maximal ein kleinster gemeinsamer Nenner: “Wir lieben Fußball und wir wollen unser Team unterstützen.” Für Karaś ist es eine Frage der Perspektive: “Vergleicht man Fanszenen aus Spanien, Norwegen und der Türkei aus europäischer Sicht, sind diese unterschiedlich. Mit einem Blick aus den USA oder Japan erscheinen wir hingegen sehr einheitlich.”

Betrachtet man die Fankultur als globales Phänomen, fällt es schwer, diese entweder als Bedrohung oder Segen für unsere Gesellschaft einzuordnen. Emotionen führen zu Vereinigung und Toleranz, ebenso wie Auseinandersetzung und Gewalt. Das Potenzial der Fankultur kann und wird in beide Richtungen ausgeschöpft. Eines steht jedoch nicht nur für Karaś über allem: Der Fußball macht es leicht, Menschen miteinander zu verbinden. “Wer das schon selbst im Stadion erlebt hat, dem muss man dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht erklären. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, der wird es auch in Zukunft ohne dieser nicht verstehen.”

*Name von der Redaktion geändert

Eurotours 2018 - Logo

Hinweis: Dieser Bericht ist im Rahmen von eurotours 2018 entstanden — einem Projekt des Bundespressedienst, finanziert aus Bundesmitteln. 

Matthias auf Twitter: @mwFuehrer

[Fotos: © Matthias Führer]

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